Wie fühlt es sich an, so zu leben wir ihr? Ein Brief an alle Gesunden. 

Wie fühlt es sich an, so zu leben wir ihr? Ein Brief an alle Gesunden. 

Ich bin auf dem Weg zum Arzt. Steige aus der Straßenbahn und muss umsteigen in die S-Bahn. 150 Meter, die mich zum Schnaufen bringen. Ich schwitze. Bin völlig erledigt von der zehnminütigen Fahrt hierher, dem Duschen und Fertigmachen davor. Beim Atmen tut meine Lunge weh, zwar nur ein kleines bischen, ein ständiger unterschwelliger Schmerz. Für mich mittlerweile nichts schlimmes mehr, aber eben da. Obwohl ich nur 2 Minuten in der S-Bahn fahren muss, stürze ich mich sofort auf einen freien Sitzplatz. Erleichtert sinke ich dort zusammen.

Aber eigentlich geht es mir gut.

Einige werden jetzt vielleicht stutzen; wie kann es ihr gut gehen, wenn sie nicht mal ein paar Minuten unterwegs sein kann, ohne sich völlig erschöpft zu fühlen? Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr, wie ihr euch fühlt, ihr anderen. Wie ist es, einen Spaziergang zu machen und sich nicht zwischendurch immer wieder ausruhen zu müssen? Wie macht ihr es, zur Arbeit zu fahren und dabei weder Schmerz noch Abgeschlagenheit zu fühlen? Wie ist es, ausgeschlafen zu sein und einen gesunden Körper zu haben? Wie ist das, wenn man so „unbekümmert“ lebt wie ihr?

Ich war mal eine von euch. Doch meine Krankheit hat mir jegliche Kraft genommen, die ich an euch so bewundere. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie es sich anfühlte, morgens aufzustehen und voller Energie zu sein. Oder wie es war, zu laufen und sich dabei zu fühlen, als könne man die Welt erorbern.

Wenn ich den ganzen Tag im Bett liege, denkt ihr vielleicht, dass ich faul bin. Dass ich mich zusammenreißen soll. In Wahrheit kämpft mein Körper gegen sich selbst und raubt mir jede Energie, die ich so dringend benötigen würde, um mir mein altes Leben wieder zu erkämpfen. Um mich „zusammenzureißen“. Manchmal schaffe ich das sogar ein oder zwei Tage lang, wenn mich die Sehnsucht nach dem Hauch eines normalen Lebens überkommt. Dann gehe ich einkaufen, treffe Freunde, versuche mich abzulenken. Doch ich werde die Schmerzen und die Abgeschlagenheit nicht los – egal, wie sehr ich versuche, vor ihnen davon zu laufen. Sie werden mich immer einholen und mich packen und knebeln und fesseln. Ich habe gelernt, das zu aktzeptieren. Sie gehören zu meinem neuen Leben. Mein altes habe ich hinter mir gelassen. Es verblasst immer mehr und statt mir Hoffnungslosigkeit vorzuwerfen, gestattet mir bitte, auf diese Art und Weise nach vorne zu sehen. Ich kann nicht von einem halb vollen Glas sprechen, wenn es eigentlich leer ist. Das wäre kein Optimismus, sondern Naivität.

Ich frage mich, wie das ist, dass ihr jeden Tag aufs Neue Pläne schmieden könnt. Ihr fahrt in den Urlaub, feiert auf Partys und verbringt eure Wochenenden damit, unterwegs zu sein und euch auszutoben. Ihr kommt mir vor wie Superhelden mit schier nicht endender Superkraft. Unbesiegbare Gladiatoren, die alles tun können, was sie möchten.

Ihr lebt.

Einerseits beneide ich euch dafür, aber andererseits verblasst meine eigene Erinnerung an diese normalen Dinge so sehr, dass fast nicht mehr weiß, worum ich euch beneiden sollte. Was soll ich am Strand, auf einer Feier, beim Sport oder auf einem Konzert, wenn ich in meinem Bett liegen kann? Wenn ich mich nicht bewegen muss, sondern einfach nur still da liege und meinem Körper die Erholung gebe, die er ständig einfordert, egal ob ich zwei oder zwanzig Schritte gegangen bin. Ich fühle mich manchmal mehr tot als lebendig, gefangen in einem Körper, der streikt. Ich kann nicht gegen ihn ankämpfen. Denn ich habe nur diesen einen. Und ich muss ihn lieben, auch wenn er mich im Stich gelassen hat.

Wenn ihr mich jetzt in der S-Bahn fragt, wie es mir geht, dann werde ich sagen: Eigentlich geht es mir gut. Denn ich erinnere mich nicht mehr daran, wie es war, als es besser war. Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem ich überhaupt aus dem Bett komme und keine übermäßigen Schmerzen habe. Das hier ist mein Leben. Ich habe es mir nicht so ausgemalt, aber ich arrangiere mich damit. Denn was wäre die Alternative?

Jeden Tag aufzuwachen und mir einzugestehen, dass es mir schlecht geht?

Nein, daran würde ich zerbrechen.

Denn eigentlich geht es mir gut.

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