Wenn neue Grenzen kommen – und man sie nicht überwinden kann

Wenn neue Grenzen kommen – und man sie nicht überwinden kann

„Über die eigenen Grenzen gehen“ – viele Jahre habe ich nach genau diesem Prinzip gelebt. Ich konnte nicht weit genug laufen, nicht schnell genug sprinten, nicht stark genug schwitzen, immer wieder aufs Neue habe ich mir neue Grenzen und Ziele gesetzt, und diese auch erreicht. Natürlich. Denn wenn man etwas will, dann schafft man es auch.

Das dachte ich zu mindest immer. Seit meiner Erkrankung jedoch hat sich diese Ansicht gewandelt. Immer wieder gerate ich in Situationen, die mich wütend machen und mir zeigen, dass meine Grenzen eben nicht nur psychischer Natur sind, sondern verflucht real.

Während ich diesen Beitrag schreibe, blicke ich auf die Nordsee. Wir haben uns für einen Kurzurlaub am Meer entschieden, einen Tapetenwechsel, frische Luft und Wellenrauschen für meine Seele. Mein erster richtiger Urlaub nach der Diagnose, wenn man unser Ostsee-Wochenende nach der Hochzeit abzieht, das irgendwie nicht zählt, weil ich da so auf Kortison war, dass ich Berge hätte versetzen können.
Und ausgerechnet das, was mir endlich wieder etwas gute Laune bringen sollte, zieht mich jetzt runter. Die Strandspaziergänge, die ich mir so wunderbar befreiend und entspannend ausgemalt hatte, machen mich schon nach wenigen Metern atemlos. Meine Beine, mein Hals und mein Herz schmerzen. Ich schnaufe, als hätte ich mich seit Jahrzehnten nicht mehr bewegt. An den Abenden fühle ich mich, als hätte ich Fieber, bin doppelt und dreifach so erschlagen wie sonst. Und das trotz doppelter Kortisondosis.
Bereits die Anreise war ein Kraftakt – und dass, obwohl ich eigentlich kaum etwas machen musste. Morgens packen, dann als Beifahrer im Auto sitzen. Ein Spaziergang im Urlaubsort. Einkaufen für die nächsten Tage. Klingt entspannt für jeden gesunden Menschen, für mich war das Stresslevel bereits mittags so hoch, dass ich einfach nur noch ins Bett wollte.

Und jetzt? Die Wellen rauschen so wunderbar vertraut und ich bleibe stehen und versuche das Geräusch in mir aufzusaugen. Doch selbst das Ausruhen und Stehen strengt mich so sehr an, dass ich es nicht genießen kann. Die Geräusche versetzen mich zurück in meinen Iltalienurlaub vor zwei Jahren, als ich noch völlig unbeschwert am Strand entlang gejoggt bin. Drei Stunden lang. Mitten in der Nacht, nur ich und das Meer und der Mond über mir. Sowas habe ich damals einfach so zum Spaß gemacht und es unheimlich genossen. Vielleicht fällt es mir deshalb so schwer, diese unfassbare Erschöpfung zu aktzeptieren. Ich will doch nur, dass alles so wird wie früher – aber das wird es natürlich nicht.

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Wir springen ein wenig in der Zeit. Es ist Abend. Der Strand nur ein paar Meter entfernt. Ich liege im Bett, bin totmüde, aber ein Blick auf meinen Aktivitätstracker zeigt mir, dass ich mich nochmal bewegen müsste. Schließlich habe ich heute „eigentlich“ nicht viel getan – und wann ist solch eine traumhafte Kulisse zum Spazierengehen schon so schnell mal wieder in Reichweite? Eine Stimme in mir treibt mich an. „Los, überwinde dich, die Luft und die Bewegung werden dir gut tun“. Ich kenne sie noch gut von früher, meine eigene Motivationsstimme, die gegen den inneren Schweinehund argumentiert hat. Egal ob ich nach der Arbeit zu müde fürs Fitnesstraining zu sein glaubte, oder der Regen meine geplante Laufrunde vermiesen wollte, letztendlich waren die Sporteinheiten, zu denen ich mich besonders überwinden musste, stets die besten und das Gefühl danach berauschend. Also gehe ich auch jetzt raus, versuche mein Bestes, um meine Umwelt zu genießen – doch mit jedem Schritt geht es mir nur schlechter. Mein Akku ist leer. Und nach nicht mal zehn Minuten weiß ich, dass „aus der Komfortzone herausgehen“ nicht mehr länger eine Motivationsfloskel für mich sein wird, sondern eine Drohung. Überwindung ist nicht mehr länger eine Kopfsache, sondern mein Feind.

Diese neuen Grenzen, ich muss lernen sie anzunehmen. Muss umdenken. „Über die Grenzen gehen“ ist nicht mehr – im besten Fall sollte ich sie nichtmal anreißen. Und stattdessen dankbar dafür sein, dass ich sie früher bewältigen konnte.

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Ich möchte hier nicht nur „herumheulen“ – natürlich genieße ich das Meer, den Strand und die Zeit mit meinem Mann. Doch genauso schön, wie die Momente hier sind, zeigen sie mir eben auch meine neuen Grenzen auf. Einfach mal so stundenlang spazieren gehen ist nicht mehr – umso kostbarer sind die glücklichen Atemzüge.

Ich wünsche euch von eben diesen möglichst viele. Aber auch Kraft, die Rückschläge anzunehmen und die neuen Grenzen zu akzeptieren. Und lasst euch von niemandem einreden, ihr müsstest eure Grenzen überwinden, dann würde schon alles besser. Tut das, was euch gut tut. Lernt euch neu kennen und vorallem: lernt euch mit euren neuen Grenzen neu lieben!

Alles Liebe,

wolfsmadchen-signatur-jenny

 

 

 

 

 

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