Kurzgeschichte: Die Macht der erfundenen Worte

Kurzgeschichte: Die Macht der erfundenen Worte

Ihr habt bestimmt schon mitbekommen, dass ich gerne schreibe 😉 In der nächsten Zeit möchte ich euch gerne ein paar meiner Kurzgeschichten vorstellen. Ich hoffe sie unterhalten euch ein wenig! Los geht es mit einer Geschichte, die ich im Rahmen meines Fernstudiums für kreatives Schreiben angefertigt habe.

Die Macht der erfundenen Worte

Tagebucheintrag vom 27. Februar, Hannes Meseke

Ich stehe wieder einmal hier und tue das, was ich am besten kann: Ich beobachte und höre zu, während mein Bleistift über diese Seite gleitet und den Augenblick festhält.
Der Wecker klingelt schon zum sechsten Mal in einer markerschütternden Lautstärke. In wenigen Sekunden wird eine Hand danach greifen und die Snooze-Taste hinunter drücken, nur um dann die nächsten zehn Minuten reglos in der erdrückenden Stille zu verharren.
Es ist bereits später Vormittag. Die Vorhänge sind noch zugezogen und lassen nicht einmal erahnen, dass es sich draußen bereits der Frühling zwischen den zusammengesunkenen Blumenhälsen gemütlich gemacht hat und seine bunten Arme über ihren erwachenden Köpfen ausstreckt. Im schwachen Schein der roten Digitalanzeige des Weckers taucht endlich die erwartete Hand auf – das nervtötende Klingeln verstummt. Seit genau drei Wochen wiederholt sich diese morgendliche Prozedur nun schon vor meinen Augen. Ich könnte im Schlaf voraussagen, in welcher Sekunde Emma sich dazu entschließt, dem Krach ein Ende zu bereiten und sich in ihre bittere Realität zu wagen.

Das Nachttischlicht wird angeknipst. Zwei glanzlose Augen eines blassen Gesichts heften sich suchend auf die Ablage neben dem viel zu groß wirkenden Bett. Einst lagerten dort Bücher, Zeitungen, hin und wieder eine Chipstüte, Taschentücher, ihr Traubenzucker und Daniels Calciumtabletten.
Daniel und Emma kannten sich bereits seit sieben Jahren. Sechs davon verbrachten sie zusammen in dieser Wohnung, seit fast drei Jahren waren sie verheiratet. Für den Sommer hatten sie einen Urlaub in der Karibik geplant – ich weiß, das viel Arbeit nötig gewesen war, um sich diesen Luxus leisten zu können.
Jetzt rinnen Tränen über Emmas Wangen, als sie die unzähligen Fotos von Daniel auf und über der Ablage betrachtet. In den letzten drei Wochen hatte diese sich in eine schier fanatische Sammlung von großen und kleinen Portraits verwandelt, gerahmt oder schlicht an die Wand gepinnt. Fotos von gemeinsamen Augenblicken. Küsse, im Hintergrund der Sonnenuntergang. Daniel im Anzug. Ihre Hochzeit. Daniel, mit seinen blitzenden Augen. Das klare Grün versetzt Emmas Herz einen Stich.

Drei Wochen ist es nun her. Es war ein Dienstag – wie könnte ich es jemals wieder vergessen?
Sowohl im Büro von Emma als auch in der Kanzlei von Daniel herrschte Stress, wie immer. Zu viel Arbeit für zu wenige Personen, ein wichtiges Meeting jagte das Nächste. Das ging schon seit Monaten so. Die Krise in der Wirtschaft schlug sich in den Verkaufszahlen nieder und so musste Emma als Marketingleiterin nahezu ebenso viele Überstunden machen wie Daniel. Dessen Kanzlei hatte einige bedeutende Klienten gewinnen können und stand kurz vor der Übernahme zweier weiterer Kanzleien in Bochum und Düsseldorf. Die anstrengenden Wochentage zehrten an ihrer beider Kräfte und gleichsam auch an ihrer Ehe, doch sie bildeten sich ein zu wissen, wofür sie es taten. In Gedanken malte Emma sich regelmäßig aus, wie ihr Häuschen im Neubaugebiet geschnitten sein sollte – das Glück der Zukunft war so präsent, dass es sie über jede einzelne einsame Stunde hinweg zu trösten schaffte.
Müde und erschöpft wie jeden Abend schloss Emma die Wohnungstür auf und trat in die Stille hinein.
Sie nahm eine heiße Dusche, schnappte sich ein Buch und legte sich samt Bademantel ins Bett. Kurz dachte sie darüber nach, sich eine Kleinigkeit vom Chinesen liefern zu lassen, verwarf es aber wieder. Sicherlich würde Daniel sich freuen, wenn sie heute gemeinsam essen könnten. Es war so lange her, dass sie sich etwas Zeit für sich genommen hatten.

Als Emma um kurz vor 21 Uhr in der Küche die Zutaten für einen Gemüseauflauf vorbereitete, läutete es. Lächelnd ging sie zur Tür.
Typisch Daniel. Er hatte anscheinend wieder einmal seinen Schlüssel vergessen.
Sie öffnete die Tür, bereit ihn mit einem liebevollen Kuss zu begrüßen. Doch auf der anderen Seite der Türschwelle stand nicht ihr Mann. Stattdessen blickten zwei Polizisten direkt in ihr Gesicht, deutlich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemüht. Vergebens.
Und das war es dann. Von einer Sekunde auf die nächste verkrümmte sich Emmas Leben. Die Luft wich aus ihr heraus wie aus einem aufgeblasenen Ballon, den man losließ ohne ihn vorher zu zuknoten. Mit der Geschwindigkeit dieses sterbenden Ballons rasten ihre Gedanken umher, orientierungslos und mit Einsatz aller vorhandenen Kräfte versuchend, der Realität zu entkommen. Doch diese war schneller. Als leere Hülle sank Emma in sich zusammen. Da war nichts mehr, was sie zu füllen vermochte.
Emmas Blick auf Daniels Portrait wird mittlerweile durch einen drängenden Tränenfluss von seinem Zielobjekt abgeschnitten. Vor ihren Augen schimmert ein wässriger Schleier, genau wie jener, der sich um ihr Leben gelegt hat.

Seit diesem Tag vor drei Wochen ist sie nicht mehr bei der Arbeit gewesen, geschweige denn Teil irgendeines winzigen Stückchens Normalität. Das Handy ist aus. Das Telefon stumm geschaltet. Der Anrufbeantworter blinkt überfordert angesichts der unzähligen Nachrichten. Emma vernimmt den Klang von Stimmen, die sorgenvoll aus dem kleinen Gerät heraussprudeln. Doch ihre Bedeutung verhallt auf dem Weg in ihr betäubtes Bewusstsein.
»Warum?«, fragt sie schwach. Zusammen mit den Tränen bricht ihre
Stimme.
Ich weiß, dass sie mit mir spricht. Das tut sie jeden Tag.
»Warum?« Die gedämpfte Stimme wird fordernder.
Was erwartet sie von mir? Was für eine Antwort kann ich ihr geben?
Ich muss ihr verborgen bleiben. Sie dürfte nicht einmal erahnen, dass ich hier bin und ihr zuschaue. Tag für Tag.
Es ist ein Anblick, den ich selbst kaum ertrage, und dennoch ist es unmöglich ihm zu entkommen.
Ich sehe diese gebrochene, 27-jährige Frau und wie sie sich der Welt, in der sie einst gelebt hat, immer weiter entfremdet. Sie sollte lachen, mit ihren Freundinnen in eine Bar gehen, mit ihrem Mann zu Abend essen und den Karibikurlaub vorbereiten. Sie sollten über ihrer beider Kinderwunsch reden und ihn endlich wagen, den Schritt eines neuen Lebens.
Stattdessen steht sie hier vor mir. Angeschlagen, hilflos, verängstigt.
Mir macht das alles wahrlich keinen Spaß. Und trotzdem komme ich nicht von ihr los, kann nicht von ihr ablassen. Ich fühle mich wie ein Sadist, der sein Opfer langsam zu Tode foltert. Und das alles zu einem Zweck, der mir selbst von Tag zu Tag nichtiger erscheint.

»Ich weiß dass du mich hörst!«
Eine Vase wird von der Kommode herabgeschleudert. Emma ist aufgestanden, ihre vor Verzweiflung weit aufgerissenen Augen fixieren einen Punkt an der Wand. Sie sieht mich nicht. Ich befinde mich gegenüber und betrachte ihre bebende Erscheinung. Sie holt nach der nächsten Porzellanvase aus.
Es klirrt.
»Verdammt, sag es mir! Sag mir wieso!«
Dieser Augenblick musste kommen. Ich habe es längst befürchtet. Seit dem Zeitpunkt, an dem sie glaubte, Notiz von mir genommen zu haben, brodelt diese Frage in ihr. Unausweichlich und unumgehbar. Berechtigt. Doch ich habe Angst mich ihr zu stellen. Die Antwort erscheint mir ebenso grausam wie eindeutig.
»So etwas passiert nun mal, Emma.«
Nun versteift sie sich, ihre Tränen versiegen schlagartig. Offenbar hat sie nicht damit gerechnet, meine Stimme jemals zu hören. Mir geht es ähnlich. Habe ich das gerade wirklich gesagt?
Ich kann nicht glauben, dass ich mit diesem wenigen, viel zu impulsiven und unüberlegten Worten soeben die Arbeit mehrerer Wochen zerstört habe.
Es ist still. Emma steht vor dem Bett und lässt ihren Blick durch das Zimmer schleifen. Ein tonloser Seufzer entgleitet ihren von salzigen Tränen befeuchteten Lippen.
»Warum er?«

Ich will mich abwenden, zur Tür hinausgehen und meiner Verantwortung entfliehen. Doch ich kann nicht. Meine Füße drücken wie Blei gegen den Boden und zwingen mich dazu, Emma direkt anzusehen. Das lange Haar fällt in braunen Locken über ihre Schultern und ich bemerke wieder einmal die Ähnlichkeit zu Nina, meiner ersten großen Liebe. Ich kann sie nicht anlügen. Der Stift in meiner Hand zittert, als ich ihr antworte.
»Es konnte nur er sein. Er gehörte zu dir.«
»Du hättest ihn mir nicht nehmen dürfen!« Sie schreit jetzt und ich muss mich zusammenreißen, um weiter schreiben zu können. »Er war alles für mich! Alles!«
»Ja«, sage ich geduldig. »Ich weiß.«
»Alles!«, wiederholt sie hilflos. »Wir wollten unser Leben miteinander verbringen. Wir hatten alles geplant. Ein Haus. Kinder. Wir haben uns geliebt.« Ihre Worte werden leiser und verklingen fast in der Leere zwischen uns. »Weißt du überhaupt was das ist, Liebe?«
»Ja, das weiß ich.« Ich fahre mir durch die strähnigen Haare und mustere ihre zerbrechliche Gestalt. »Durch deine Augen kann ich die Liebe ganz anders sehen als bisher. Ich dachte immer, sie sei vergänglich und unbeständig. Nun weiß ich, dass sie viel stärker ist. Du zeigst mir, dass sie sogar den Tod übersteht. Ich verstehe deine Trauer.«
»Du verstehst meine Trauer? Verdammt, du bist daran schuld! Es hätte auch jemand anderen treffen können, nicht ihn!«
»Emma«, wiederhole ich laut, »nur er kam in Frage. Es ist deine Geschichte, die ich erzähle. Dein Leben, das ich erfinde. Es musste ihn treffen.«
»Wieso das alles? Warum … keine Geschichte über eine glückliche Familie? Einen Lottogewinn? Etwas Gutes?«
»Weil die Welt so nicht ist. Niemand schätzt die glücklichen Momente des Lebens aufrichtig. Sieh dich an. Wie oft hast du dir die Zeit genommen, dein Glück zu genießen? Den Duft der Liebe bewusst eingeatmet und Dankbarkeit gezeigt? Du hast einige glückliche Momente erlebt, Emma, doch hundert Mal so viele hast du an dir vorüberziehen lassen. Du kannst sie nicht mehr einholen. Sie sind fort. Und das ist das Leben.«
Ich bin mir nicht sicher, ob sie mir zugehört hat. Vorsichtig trete ich etwas näher an sie heran. Ihr Blick zielt an mir vorbei ins Leere. Sie starrt noch immer an die falsche Wand.
»Ich werde mich ändern. Ich habe es verstanden. Alles kann anders werden. Nur bitte gib ihn mir zurück.«
»Es geht nicht um dich, Emma. Es geht um die Menschen, die deine Geschichte lesen und darüber nachdenken. Das ist mein Anliegen.«
»Du musst es ändern. Du musst dir jemand anderen dafür suchen. Ich ertrage es nicht länger. Gib ihn mir zurück!«
»Ohne seinen Tod gibt es keine Geschichte, versteh doch! Es gäbe nicht einmal dich.«
»Ich kann nicht ohne ihn sein.« Sie schluckt schwer. »Dann töte auch mich.«
Hoffnungsfunken blitzen in ihren Augen auf. So habe ich sie noch nie gesehen. So wollte ich sie nie sehen. Es passt nicht zu der Geschichte, allein dass sie mich darum bittet gehört nicht hierher. Wie kann es sein, das sie plötzlich anders handelt als ich es ausgearbeitet habe? Ich blättere ein paar Seiten in meinem Manuskript zurück und versuche, den Fehler zu finden. Dann schweift mein Blick im dunklen Raum umher. Alles hier ist belegt mit einer Schwermut, die mich selbst entsetzt. Ja, meine Geschichte sollte traurig stimmen. Offenlegen, was zu häufig übersehen wird: Dass das Leben viel zu kurz ist, um auf den richtigen Moment zu warten, es zu genießen.
Doch mit Emmas überwältigendem Schmerz, der mich nun dazu bringt, mein Tagebuch zu ihrem zu machen, habe ich nicht gerechnet.
Mich überkommt ein ganzer Schwall von Emotionen und Emmas flehender, hoffnungsvoller Blick versagt mir jede Alternative.
Ich bin ebenso schwach wie sie. Meine Gedanken sind unruhig, als ich im Geiste das ändere, was eigentlich der Antrieb meines Romans werden sollte. Mein Manuskript ist hinfällig. Ich habe Emmas Charakter so verinnerlicht, dass ihre Schmerzen die meinen sind. Ich kann nicht anders.
»In Ordnung. Ich gebe ihn dir zurück.«
Ihr Körper richtet sich auf, von einer plötzlichen Kraft angetrieben. Ich spüre, wie ihr Herz vor Erstaunen und Glück schneller zu schlagen beginnt.
Ich weiß, dass ich versagt habe. Ich habe es gebilligt, dass meine Figur die Oberhand gewinnt. Wie konnte das nur geschehen?

Nun ist alles egal. Ich trete direkt vor sie und zum ersten Mal lasse ich es zu, dass auch sie mich sehen kann. Ich werde ihr noch diesen einen Moment des Glücks schenken, bevor ihre Geschichte und ihre Liebe für immer in meiner Schreibtischschublade verschwinden.
Emmas Blick trifft den meinen und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.
»Daniel«, flüstert sie liebevoll und streckt ihre Hand in meine Richtung aus.
Unversehens beginnt das Zimmer zu verblassen. Es wird heller und heller und nach und nach verschwimmt alles mit dem Nichts.
Ich stehe alleine dort und sehe mich um. Die Wände sind weiß und kahl.
Und ich muss von vorne beginnen, die leeren Blätter zu füllen.

 

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