Des Teufels Wunderpillen – Meine Hassliebe zum Cortison

Des Teufels Wunderpillen – Meine Hassliebe zum Cortison

Seit ich meine Diagnose Mixed Connective Tissue Disease erhalten habe, fällt mir auf, dass Serienärzte supergerne Prednison verorden. Vor allem Dr. House, der in nahezu jeder Folge bei so gut wie jeder Krankheit erstmal Cortison verabreicht; kein Wunder, denn es ist der Sprinter unter den Medikamenten. Auf kurzen Distanzen ist es ein wahrer Olympiasieger – Wer also erstmal schnelle Hilfe bei Entzündungen erfahren möchte, für den ist es super. Doch schneller als einem lieb ist kommen dann die Nebenwirkungen zum Vorschein, die alles andere als feierwürdig sind …

Prednisolon besitzt eine ausgeprägte immunsuppressive und darüber entzündungshemmende, antiallergische Wirkung.

Cortison basiert auf Kortisol, einem lebenswichtigen Hormon, das in der Nebennierenrinde u. a. aus Cholesterin gebildet wird und zu den Glukokortikoiden gehört. Die heute zum Einsatz kommenden Glukokortikoide sind chemisch verwandt mit dem „natürlichen“ Kortison.

Im Ruhezustand bildet der Körper 8–25 mg Kortisol pro Tag, bei Stressbelastungen auch bis 300 mg. Da das Hormon dem Körper immer zur Verfügung stehen muss, wird sein Vorkommen über einen komplizierten Regelmechanismus gesteuert. Innerhalb dieses Mechanismus wird die größte Menge an Kortisol in mehreren Schüben bis morgens um 6–8 Uhr gebildet, danach nimmt die Hormonproduktion bis zu einem Minimum um Mitternacht wieder ab.

Glukokortikoide spielen in vielen Stoffwechselprozessen eine wichtige Rolle. Sie mobilisieren bei Bedarf die im Körper gespeicherten Energiereserven, z. B. indem sie durch verschiedene Prozesse den Blutzuckerspiegel steigern und die Fettfreisetzung ankurbeln – und werden deshalb häufig auch als Stresshormone bezeichnet. Als Nebenwirkung wird auch Muskel- und Knochenmasse abgebaut. Cortsion hemmt Entzündungen, unterdrückt immunologische/allergische Reaktionen, verlangsamt eine beschleunigte Zellteilung, kann Hirnödeme verkleinern und verhindert Erbrechen nach der Einnahme bestimmter Krebsmittel.

Quelle: http://www.gesundheit.de/

Bei mir ist es eine wahre Hass-Liebe mit dem Prednison. Als ich es zum ersten Mal in einer hohen Dosis (50mg) bekommen habe, lag ich mit einer Lungen- und Herzbeutelentzündung im Krankenhaus, bekam kaum Luft und konnte mich kaum mehr als zehn Minuten am Stück bewegen. Das Cortison putschte mich innerhalb von wenigen Tagen auf – ich fühlte mich zum ersten Mal seit Monaten wieder relativ „fit“, jedenfalls so, dass ich nicht mehr den ganzen Tag im Bett liegen und schlafen wollte. Das war für mich zu dieser Zeit eine enorme Verbesserung und ich dachte, jetzt würde es wieder bergauf gehen.

Das Prednison wurde weniger, denn aufgrund seiner fiesen Nebenwirkungen ist es kein Medikament, das man langfristig in hohen Dosen einnehmen sollte. Bei mir machten sich anfangs vor allem Rastlosigkeit, Schlaflosigkeit und Stimmungsschwankungen bishin zu leichten Depressionen bemerkbar, was ich ehrlich gesagt noch als harmlose Nebenwirkungen empfinde. Weitaus schlimmer wurde es erst, als wir das Kortison zum zweiten Mal wieder erhöhten (auf 20mg, mittlerweile war ich schon wieder auf 10mg runter gewesen) … Ich fühlte mich wieder unendlich erschöpft und war richtig dankbar, als mir die Ärzte eine Dosissteigerung nahe legten. Doch plötzlich schlug das Cushing-Syndrom zu, das vor allem für das „Mondgesicht“ bekannt ist. Wassereinlagerungen überall am Körper, bei mir vor allem im Gesicht und an den Beinen, aber auch überall anders – genau das, was man nicht möchte, vor allem nicht als Frau und schon gar nicht, wenn man erst vor wenigen Jahren durch Sport und Ernährungsumstellung mühsam über Monate hinweg 25 Kilo abgenommen hat. Die waren jetzt nämlich fast wieder drauf! Schon allein das geht immens auf die Psyche, aber so richtig lustig wird es dann, wenn auch noch die vom Cortison hervorgerufenen Depriphasen dazu kommen. Ich habe viele Nächte hellwach allein im Wohnzimmer verbracht und stundenlang geweint. Nicht weil ich meine Krankheit als so extrem ungerecht oder furchtbar empfand – ich wusste oft selbst gar nicht, wieso ich so unendlich traurig war und schlitterte von einem negativen Gedanken in den nächsten.

Die Nebenwirkungen sind äußerst zahlreich und können gefährlich sein.

Typische Nebenwirkungen als Folge der direkten Hormonwirkung sind das sogenannte Cushing-Syndrom mit Vollmondgesicht, Stiernacken, Gesichtsrötung und brüchigen Hautgefäßen, Blutdruckanstieg, Blutzuckererhöhung, Erhöhung der Blutfettwerte, gesteigerte Infektanfälligkeit, Gewichtszunahme, Wassereinlagerung im Gewebe, Osteoporose (bei Bedarf präventive Maßnahmen wie Kalziumgaben oder die Einnahme von Vitamin D und Fluor einleiten!.

Eine weitere Gruppe von Nebenwirkungen betrifft den Regelkreis der Hormone. Durch die Zuführung des Glukokortikoids von außen schläft die eigene Hormonproduktion ein und kann sogar zum Schwund der Nebennierenrinde führen. Problematisch wird dieser Zustand, wenn die Therapie abgebrochen wird, weil es einige Zeit dauert, bis die eigene Produktion wieder in Gang kommt.
Quelle: http://www.gesundheit.de

Also reduzierten wir das Prednison wieder. Diesmal in kleineren Schritten, damit mein Körper sich das Teufelszeug besser „abgewöhnen“ konnte. Wochenlang habe ich mich durch die Erschöpfung, die Abgeschlagenheit und die Schmerzen gequält, in der Hoffnung, es würde schon irgendwann besser werden, und vielleicht würde ich das blöde Cortison ja sogar bald ganz weglassen können? Doch mein Zustand verschlechterte sich wieder. Im Krankenhaus riet man mir wieder zu mehr Cortison, aber ich weigerte mich und versuchte auch meine Hausärztin so lange wie möglich davon zu überzeugen, dass ich auf die Steroide verzichten könnte. Doch irgendwann kam der Moment, da konnte ich einfach nicht mehr. Meine Batterie war leer und ich sehnte mich danach, endlich wieder etwas Antrieb zu spüren und etwas „Kraft“ zu haben, um wenigstens einen Bruchteil des Tages nicht ans Bett gefesselt zu sein.

Und deshalb bekam ich doch wieder 25mg pro Tag. Mit noch mehr Nebenwirkungen als vorher, denn mittlerweile habe ich auch einen richtig „netten“ Dickbauch, der mich aussehen lässt, als wäre ich im neunten Monat schwanger. Aber: Ich kann wieder eine Stunde spazieren gehen, ohne danach direkt vor Erschöpfung zusammen zu brechen oder mir ein Essen kochen, oder die Wäsche waschen. Alltägliche Dinge, die für mich ohne diese Teufelspillen völlig unmöglich wären. Und ich habe jetzt schon Angst davor, wie es wird, wenn mein Körper merkt, dass er wieder weniger Cortison bekommt. Denn natürlich reduzieren wir bereits wieder …

Einerseits bin ich dankbar über dieses Medikament – und wenn ich unter 20mg komme, dann beginne ich sogar damit, es mir wieder herbei zu sehnen, weil mein Körper sich sofort wieder wie ein nutzloses Stück Matsch anfühlt. Doch wenn ich über eben diese Grenze komme, verabscheue ich es, denn es macht meinen Körper hässlich und hinterlässt überall Spuren, viele davon werden vielleicht erst sehr viel später sichtbar. Seien es die Augen, die Haut, die Knochen oder Diabetes. Ich hasse es und liebe es, und hoffe natürlich, dass ich irgendwann wieder ohne sein kann, gleichzeitig habe ich jedoch auch Angst davor, dass es mir ohne wieder schlecht gehen wird.

Damit die Nebenwirkungen des Prednisons nicht ganz so heftig werden, sollte man auf seine Ernährung achten. Ein super Tipp, denn Cortison löst bei einigen ziemlichen Heißhunger aus, und das natürlich nicht auf Apfel und Möhre, sondern auf eher ungesundes Essen. Ich habe das Glück, dass das bei mir eigentlich nicht der Fall ist – aber dafür wandern die Kilos trotzdem wie von Zauberhand auf meine Hüften, obwohl ich mich relativ normal und ausgewogen ernähre. Was mir momentan gegen die Wasserleinlagerungen hilft, ist Brennnesseltee. Dazu werde ich in einem der nächsten Artikel noch etwas sagen. Außerdem sollte man weitestgehend auf Salz verzichten, da dieses Wasser im Körper bindet. Wer es körperlich schafft, sollte sich außerdem ausreichend bewegen. Zumindest das gelingt mir dank der aktuellen Dosis von 23mg ganz gut.

Wie steht ihr zu Prednison? Ergeht es euch auch so, dass ihr es manchmal richtig herbei sehnt, oder nehmt ihr Abstand von dem Teufelszeug?

Alles Liebe,

wolfsmadchen-signatur-jenny

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4 Comments

  • Corina 29. März 2016 11:46

    Liebe Jenny

    Cortison? Nie wieder! Vor drei Jahren habe ich aufgrund eines MS-Schubes Infusionen bekommen und danach Tabletten zum Ausschleichen. Mein Körper wurde richtig zu Matsch MIT Cortison und nebst verschiedener Nebenwirkungen, die während der Einnahme auftraten, verlor ich im Anschluss an die „Kur“ innert dreier Monate drei Viertel meiner Haare (den Aussagen der meisten Ärzte zum Trotz ist es eben DOCH möglich – nur ist der Haarausfall in diesem Ausmass wohl noch bei kaum jemandem vorgekommen).
    Als es dann endlich aufhörte, sah ich schon zu sehr aus wie ein gerupftes Huhn, so dass eine Perücke nötig wurde. Zum Glück sind die Haare wieder nachgewachsen und sind schon wieder 40 cm lang, es fehlen nur noch 7 cm bis zur ursprünglichen Länge 🙂 …

  • Corina 29. März 2016 11:46

    Hier der zweite Teil meiner Message, da vorher nicht alles Platz hatte:

    …Das ist meine Erfahrung mit Cortison. Derzeit geht es mir MS-technisch gerade nicht so gut. Aber das Teufelszeug kommt mir persönlich nicht mehr in die Tüte bzw. in die Venen!

    Ich wünsche dir alles Gute, gerade auch mit dem Prednison!

    Herzliche Grüsse
    Corina

  • Gitta 29. März 2016 18:09

    Hallo Jenny, ja, ich nehme z.Zt. auch gerade wieder Prednisolon. Erst 4 Tage 80 mg und seit gestern 20 mg und ich fühle mich schrecklich: brennende Herzschmerzen, Cushing Syndrom sehr stark, total erschöpft, kann mich kaum auf den Beinen halten. Bei der letzten Stoßtherapie, (5 Tage 80 mg, 12/2015) half es mir etwas, aber jetzt habe ich das Gefühl, es wird alles noch schlimmer.
    Bin auch ziemlich hin- und hergerissen und weiß auch nicht, ob ich es noch weiter nehmen soll. Eigentlich soll ich die 20 mg noch für 6 Wochen nehmen…..

  • Trackback: Was machst du eigentlich den ganzen Tag?  | Wolfsmädchen

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