Bin ich wirklich krank oder bilde ich mir das nur ein?

Bin ich wirklich krank oder bilde ich mir das nur ein?

Ein Satz, mit dem sicher viele von euch ebenfalls bereits mindestens ein Mal in ihrer Krankheitsgeschichte konfrontiert wurden, ist: „Vermutlich ist das psychisch!“ Wenn ein Bekannter mir sowas sagt, versuche ich wegzuhören und mich nicht allzu sehr darüber zu ärgern, aber aus dem Mund eines Arztes kann dieser Satz riesengroßen Schaden anrichten – und zwar in unserer Psyche und in unserem Selbstbild. Jedenfalls ging mir das im letzten Jahr so. Ich wanderte von Arzt zu Arzt, von Untersuchung zu Untersuchung, und als man sich nicht mehr zu helfen wusste, fiel der folgenschwere Satz, der mich fast zum Aufgeben gebracht hätte. Denn mal ehrlich: Wenn man glaubt, die Medizin habe alles versucht und trotzdem wurde nichts gefunden, zweifelt man dann nicht automatisch an sich selbst? Und wird dann im Zweifelsfall tatsächlich „irre“ …

Zwar habe ich eine Diagnose, doch die Frage „Bin ich krank oder bilde ich mir das nur ein?“ verfolgt mich weiterhin. Plötzlich sind meine Blutwerte wunderbar, obwohl ich mich so schlecht fühle wie lange nicht mehr. Doch meine Ärztin strahlt mich an und sagt wie toll ich aussehe. In der Klinik versichert man mir, die Untersuchungsergebnisse seien super. Und doch bekomme ich kaum Luft, kann an manchen Tagen kaum mehr als zehn Minuten außerhalb des Bettes verbringen und habe Schmerzen in Lunge und Herz. Sollte aber nicht so sein, sagen die Ärzte. Und die stützen sich auf ihre Laborergebnisse.

Danke, lieber Körper, dass du uns alle so an der Nase herumführst. Ich wünschte, ich würde mich so fühlen, wie mein Blutbild aussieht. Dann stände ich jetzt sicher an irgendeiner Startlinie, um einen Marathon zu laufen. Vielleicht in London, auf Mallorca oder in Paris. Doch zu den ganzen Schmerzen und der Erschöpfung kommt jetzt auch noch eine zermürbende Unsicherheit über meinen psychischen Zustand. Die Zweifel. Was, wenn ich mir das alles nur einbilde? Das Stechen im Herz, die schmerzenden Glieder, meine Abgeschlagenheit, das ständige Gefühl, fast zu ersticken? Oder bin ich vielleicht einfach nur faul?

Tief im Inneren weiß ich natürlich, dass diese Gedanken völliger Schwachsinn sind. Ich erinnere mich dunkel daran, wie fleißig und aktiv ich vor der Erkrankung war und wie viel Spaß mir das Leben gemacht hat. Heute würde ich so vieles davon gerne tun, doch ich kann nicht mal eine Woche „zur Erholung“ ans Meer fahren – obwohl ich ja die Zeit dafür hätte. Und es wirklich so, so gerne tun würde. Aber ich weiß, dass solch ein Ausflug für mich und meinen kontraproduktiven Körper viel zu viel wäre und ich die Tage nur im Bett anstatt im Strandkorb verbringen würde. Ein junger Geist im Körper einer alten Frau – und ganz ehrlich, sogar die sind teilweise noch wesentlich fitter als ich.

Ich verzichte tagtäglich auf nahezu alles, was mir früher Freude gemacht hat. Wer mir unterstellen möchte, ich würde das freiwillig tun, der spinnt. Und da schließe ich mich selbst ein. Ich spinne wirklich manchmal, wenn ich mal einen guten Tag habe und es schaffe, eine dreiviertel Stunde mit meinem Hund spazieren zu gehen. Dann denke ich mir:“Mensch, dir gehts doch wieder ganz gut, vielleicht hast du dir das wirklich alles nur eingebildet! Dann kannst du ja bald wieder arbeiten gehen!“ Tja. Das denke ich dann noch ungefähr eine Stunde nach dem Spaziergang, dann sind meine Akkus ratzeputze leer und ich liege drei Tage mit schlimmeren Schmerzen im Bett. Das ist dann die Quittung dafür, dass man sich mal kurz fast gesund fühlte.

Ich muss sagen, dass mir bei diesen Gedanken vor allem meine Freunde eine große Stütze sind. Menschen, die mich jahrelang kennen. Die super-aktive Jenny, die immer on tour war. Wenn ich heute nach „superguten“ Untersuchungsergebnissen die leise Idee äußere, meine Symptome könnten vielleicht doch alle nur eingebildet sein, wird wehemennt protestiert. Meine Freunde erinnern mich daran, mich nicht verunsichern zu lassen und mich vor allem nicht selbst aufzugeben. Meinen Wert nicht selbst dadurch zu mindern, dass ich überlege, ob ich so ein fauler Mensch geworden bin, dass ich einfach „nur so“ und „gerne“ im Bett liege und Serien gucke. Mir bestätigen, dass ich eben nicht „assi“ bin. Denn das vergesse ich oft: Dass ich nicht im Bett liege, weil ich es kann, sondern weil ich es muss.

Und deshalb kann ich jedem (und vor allem mir selbst immer wieder) sagen: Ich bin krank. Auch wenn man es nicht immer sieht. Nicht an meinem Aussehen oder meinem Verhalten, aber auch nicht an den Werten. So ist das eben. Aber jeder, der das in Frage stellt, darf gerne mal einen Monat so leben. Er wird es nicht erwarten können, endlich wieder gesund zu sein, um am Schreibtisch auf der Arbeit zu sitzen, in den wohlverdienten Urlaub zu fahren und seinem gewohnten Leben nachzugehen.

Kennt ihr diese Gedanken auch? Wie geht ihr damit um?

Übrigens muss ich hier hinzufügen, dass ich einen (unter den vielen, zu denen ich immer wieder gehen muss) richtig tollen Arzt habe, der meine Untersuchungsergebnisse zwar auch mit dem Satz „Ihre Werte sind alle in Ordnung“ kommentiert, aber der immer wieder direkt hinzufügt, dass die Medizin – obwohl sie in vielen Bereichen schon sehr weit ist – eben nicht ALLES erfassen und erklären kann. Ein Organ kann weh tun, obwohl man in den Untersuchungen keinen Grund dafür findet. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Grund gibt! Vor allem im Bereich der Autoimmunkrankheiten steht die Forschung am Anfang. Und auch die Untersuchungsgeräte können extrem viel erfassen, was in unserem Körper vorgeht, aber eben nicht alles.

Ehrlich, ohne diesen Arzt und seine Worte wäre ich schon mehrfach durchgedreht! Denn auch wenn es beunruhigend ist, nicht zu wissen, woher die Schmerzen genau kommen, so ist doch ein ehrliches „Wir wissen nicht, wieso es so ist“ tausend Mal besser als ein „Es ist alles okay, das muss also psychisch sein!“ Mit diesem Satz machen es sich die Ärzte zu einfach und sie denken überhaupt nicht darüber nach, in was für eine emotionale Schlucht sie den verwirrten Patienten damit schleudern.

Alles Liebe,

wolfsmadchen-signatur-jenny

 

PS: Das Foto entstand Ende 2014 in Marokko 🙂

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