Ach, du bist müde? Wieso „unser müde“ nicht euer müde ist.

Ach, du bist müde? Wieso „unser müde“ nicht euer müde ist.

Heute ist Sonntag. Für mich jahrelang der Tag des „Long Runs“, wie man ihn in Laufkreisen bezeichnet. Der Tag in der Woche, an dem man seinen langen Lauf fürs Halbmarathon- oder Marathontraining abreißt, was in meinem Fall zuletzt um die 30 bis 35 Kilometer waren. 30 Kilometer in aller Herrgottsfrühe, dem Sonnenaufgang entgegen, um vier Stunden später frisch geduscht und putzmunter mit meiner Freundin beim Brunch in einem Café zu sitzen. Heute gehe ich nur eine Runde mit dem Hund spazieren (meist trifft es zombieartig wanken ohnehin besser!) und schnappe schon beim vierten Schritt nach Luft und werde müde. Ach, was sage ich, eigentlich werde ich nicht erst dann müde. Ich bin es immer.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis und auch in meiner Familie verstehen das viele nicht. „Ach, ich bin auch oft müde, das ist sicher das Wetter“, oder aber „Du solltest dich mehr bewegen“, bekomme ich dann zu hören. Solche Sätze verletzen mich sehr, denn gerade die Menschen, die mich kennen, sollten wissen, dass ich bislang in meinem Leben eher selten „müde“ war. Jedenfalls nicht auf diese schwermütige Art, die mich lähmt, wenn ich doch eigentlich noch etwas schönes machen wollte – und sei es nur einen kurzen Artikel schreiben oder mir einen Film ansehen. Früher konnte ich trotzdem noch 100 Dinge erledigen, selbst wenn ich müde war. Dann hieß es einfach: Einen Kaffee trinken und weiter, die Energie kam dann von ganz alleine. Heute hoffe ich immer wieder, dass sie noch kommt, die Power, und dann wage ich mich mal auf einen längeren Spaziergang oder mache einen Ausflug. Doch sie kommt nicht. Ich fühle mich wie ein Becher, der ein riesiges Loch hat, und egal wie viel Wasser man hinein schüttet, er wird einfach nie voll. Und wenn man mal eine Minute vergisst nachzuschütten, ist er plötzlich leer und es wird noch schwerer, ihn wieder zu füllen. Und so läuft die Energie jede Sekunde unaufhörlich aus mir heraus, auch wenn ich einfach nur da liege und nichts tue. Und sobald ich mich bewege, schwappt der Becher über, noch mehr Wasser läuft hinaus, und wenn ich merke, dass kein Energiewasser mehr drin ist, ist es meist zu spät.

Neulich hatte ich die Situation, dass ich mit meinem Teeglas in der Hand im Bett lag. Der Tag war anstrengend für mich, obwohl er natürlich nichts mit einem normalen Alltag zu tun hatte. Ich strich unseren Flur und war eigentlich guter Dinge, doch abends war mein Energie-Becher dann plötzlich leer. Ich wollte meinen Tee trinken, doch ich war zu erschöpft, um das Glas an meinen Mund zu führen. Ganze 15 Minuten lang war ich unfähig, obwohl ich trinken wollte. Es ging einfach nicht. Diese Situtation hat mich erschrocken, mich wütend gemacht und mir vor allem gezeigt, wie weltfremd anderen meine Krankheit vorkommen muss. Ich bitte euch: Wie irre ist das denn, dass man zu erschöpft ist um einen Trinkbecher an den Mund zu heben?!

Diese Erschöpftheit und Müdigkeit – ich hasse sie. Ganz ehrlich: Selbst nach meinem Marathon habe ich mich nicht so erledigt gefühlt. Natürlich war ich erschöpft, meine Beine taten weh und ich wollte mich nur aufs Sofa legen – aber die Müdigkeit heute fühlt sich an, als würde sie mich von innen heraus lähmen. Meine Gedanken sind klar, mein Geist hellwach, aber mir kommt es vor als würde in mir drinnen ein kalter Nebel umherziehen, der mich komplett einnimmt und jeden einzelnen Muskel und jedes einzelne Organ festhält und einfriert. Für mich hat Müdigkeit durch meine Krankheit eine völlig neue Bedeutung bekommen. Ich hätte früher niemals für möglich gehalten, dass jemand überhaupt SO müde sein kann; und glaubt mir, ich habe natürlich auch schon die ein oder andere Nacht bei einer Party durchgemacht und kenne das Gefühl der Übermüdung.

Wie erklärt man also jemandem, dass man, obwohl man doch den ganzen Tag zuhause ist und im Grunde überhaupt nichts macht, so unendlich müde und erschöpft ist, als hätte man schon seit Wochen kein Auge mehr zugetan? Ich glaube ja, das geht nicht. So sehr wir uns bemühen, es zu erklären, und so sehr sich unser Umfeld auch bemüht, es zu verstehen; es wird nicht gelingen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mich selbst nach meinen härtesten Trainingseinheiten nicht annähernd so gefühlt habe wie heute, wie soll es dann jemand anders nachvollziehen können?

Und trotzdem werden wir immer wieder versuchen es zu erklären. Weil „Ach, du bist müde? Ja, ich auch…“ immer wieder unseren Weg kreuzen wird. Weil es kein amputierter Arm ist, kein gebrochenes Bein, nichts Greifbares. Und auch wenn meine Krankheit noch andere Symptome beinhaltet, die mir gesundheitlich noch weitaus mehr zusetzen und im Gegensatz zur Müdigkeit auch lebensbedrohlich sein können, so sind es doch genau diese Müdigkeit und Erschöpftheit, die mich am meisten belasten und einschränken. Vielleicht gehen sie weg, wenn das neue Medikament wirkt – vielleicht aber auch nicht. In jedem Fall stecken in meinem „ich bin müde“ hundert weitere Gefühle, die nichts mit der Aussage „ich bin müde“ eines gesunden Menschen gemein haben. Ich bin nicht nur müde, ich bin leer, bewegungsunfähig, ausgebrannt, traurig, ich habe Schmerzen und in solchen Situationen auch Angst vor der Zukunft. Wenn ich also noch ein Mal höre „Ach, ich bin auch oft müde“, dann hoffe ich für meinen Gegenüber, dass er schneller laufen kann als ich (was aktuell natürlich nicht schwer ist 😉 )

Wie geht es euch? Habt ihr Tipps gegen Müdigkeit, außer mit einem heißen Tee ins Bett zu gehen ;-)?

Alles Liebe,

wolfsmadchen-signatur-jenny

You May Also Like

6 Comments

  • Antje Scmalz 21. Februar 2016 20:26

    Hallo meine liebe Freundin, leider habe ich keinen Rat für betreffend der Müdigkeit. Ich bin selbst mit ständiger Müdigkeit geschlagen. War gerade im Bett und denke na du kannst dich doch noch 5 Minuten auf“s Sofa legen, was passiert, ich schlafe wieder ein und vergesse sogar das mein Hund raus muß. Nun was ich noch sagen kann, es wird nie ein gesunder Mensch unsere Autoimmunerkrankung verstehen und sie werden uns immer mit dem Wetter oder irgend so nen Zeug versuchen wieder etwas aufzumuntern und mitzuschleifen an Stellen wohin wir gar nicht wollen und vor allem auch nicht müssen. Ich trotz der Müdigkeit sehr viel am Hals und ich merke das ich es bald nicht mehr schaffen kann meine Aufgaben zu erledigen. Also liebe Freundin ich wünsche Dir noch einen schönen Abend, wenn Du müde bist geh zu Bett und habe eine schöne und gute Nacht.
    Ich verbleibe mit lieben Grüßen Antje

  • Friederike 21. Februar 2016 22:58

    Liebe Jenny,
    ich kann dich so sehr verstehen, wäre vermutlich gelogen. Aber ich weiß auch, wie es mir geht, wenn ich super häufig super müde bin und sich das niemand erklären kann. Und das finde ich schon schrecklich. Bei dir muss es aber noch viel stärker sein. Tee ist bei mir auch immer gut und manchmal liege ich auch einfach nur so da und hoffe auf bessere Zeiten. Was aber auf keinen Fall schaden kann, sind positive Gedanken. In welcher Form auch immer. Bleib so stark, wie du zu mindest für mich wirkst. Ich wünsch mir ganz viel Kraft für dich. Oder einen Dornröschenschlaf. Fühl dich gedrückt. Friederike

    • jennastrack 5. März 2016 21:24

      Danke dir liebe Friederike! Positive Gedanken sind immer gut, und ich bemühe mich meistens auch darum 🙂 Die wünsche ich dir auch! Und Geduld, denn die braucht man irgendwie, um die Umstände zu ertragen. Wieso kann sich bei dir denn niemand die Müdikgeit erklären? Ich hoffe du findest bald einen guten Arzt, der dir helfen kann! Positiv denken 🙂 Ganz liebe Grüße, Jenny

  • Ray Allinger 13. März 2016 2:33

    Wenn ich Hunger habe musst ich etwas Essen, aber nur weil ich ganz lange nichts gegessen habe kann ich mir dann nicht auf einmal ein riesiges Menü bestellen, denn wenn ich zu viel auf einmal esse wird mir schlecht.

  • Elfie 2. April 2016 10:27

    Liebe Jenny,

    du sprichst mir aus der Seele!

    Wie oft habe ich schon gehört, ja klar wenn du erschöpft bist, trinke einen Kaffee und setz dich kurz hin, das mache ich auch so, ist doch auch viel gemütlicher so…
    Wie erklärt man eine Erschöpfung, die einem bis auf einen letzten Funken jegliche Energie raubt.
    Wenn man keine 2 Schritte mehr ohne fremde Hilfe gehen kann.
    Kein Glas Wasser selbstständig an die Lippen führen kann.
    Eine Tür so schwer erscheint, dass man meint, sie wäre verschlossen.
    Manchmal versuche ich es so…stell dir vor, dich überfällt eine Influenza, also die ECHTE Grippe und plötzlich bist du unendlich erschöpft. Du kannst überhaupt nichts mehr, ob du willst oder nicht. OK Atmen geht noch, aber das ist schon ganz schön viel Arbeit!

    Selbst habe ich eine UCTD mit Lungen- und Herzbeteiligung. Wenn die Kraftwerke des Körpers schwach werden, stellen Sie auf Notprogramm, da geht nichts Unnötiges.

    Herzliche Grüße
    Elfie

  • Trackback: Was machst du eigentlich den ganzen Tag?  | Wolfsmädchen

Leave a Reply